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  60 Jahre Bartningkirche Leipzig

60 Jahre Trinitatiskirche

30.5. Festlicher Kirchweihgottesdienst und Jubelkonfirmation.
Der Gottesdienst wird kirchenmusikalisch reichhaltig gestaltet sein, die Predigt hält Pfr. Kähler, Bischof i.R.
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4.6. 18 Uhr Andacht zur 60ährigen Kirchweihe der Trinitatiskirche - im Dank an Menschen, mit Lob vor Gott!
Anschließend Film (beim Wein) über die Erbauung unserer Kirche
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11.-13.6. Gemeindefest
Im Festgottesdienst zum Thema Krieg, Frieden und Versöhnung erklingt die Kinderkantate: „Die Geschichte von Micha Ben Jimla und den zwei verschwägerten Königen“ von Klaus-Peter Hertzsch
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18.6. 60 Jahre neue Trinitatiskirche - Jahre der Versöhnung
19.30 Uhr Konzert. Es singen die Edinburgh University Singers.
Der Eintritt ist frei. Um eine Spende für die Turm-und Dachsanierung wird gebeten.


alte Texte zur 50 Jahrfeier

Ich liebe diese Kirche, die Steine, die durch so viele Haende gegangen sind, herausgeholt aus dem Trümmerberg der Johanniskirche, in unendlich vielen Fuhren zum Anger gekarrt und dort gestapelt wurden. Bevor sie vermauert wurden, nahmen sie die Helferinnen und Helfer noch einmal in die Hand. Mit Sandpapier wurden sie vom letzten Mörteldreck gesäubert und erhielten jenen seidigen Glanz, der wie der rauchige Sound eines Gospelsongs ist. Es wird in diesen Tagen sicher viel aus dem Leben und Wirken von Prof. Bartning berichtet werden. Für mich ist er der, der als junger Mann seinen ersten Kirchenauftrag für eine ev. Gemeinde in der Diasporakirche Österreichs erhielt und nicht nur eine Kirche, sondern ein Gemeindezentrum konzipierte. Durch seine Stahlkirche in Essen bekannt geworden, hätte er nach dem Krieg die Möglichkeit gehabt, in Brasilien an jener supermodernen, fast utopischen Hauptstadt Brasilia mit zu planen und zu bauen. Er hat das ausgeschlagen, um hier, im zerstörten Deutschland, sein kirchliches Notprogramm zu verwirklichen. In unserer Kirche kann man seine Vorstellung von Kirche nachempfinden. Er hat, umgeben von Trümmern, Heimatlosen, Entwurzelten die Botschaft von Krippe und Kreuz in Architektursprache übersetzt. Ein heiliger Raum, umfriedet, nicht mit Findlingen wie in der Urzeit sondern mit Steinen, die vom Neuanfang und denen reden, die, frei nach Zinzendorf (EG 254) sagen: Wir wolln uns gerne wagen, in unsern Tagen der Ruhe abzusagen, ... uns fröhlich plagen und unsre Steine tragen aufs Baugerüst. Bartning wollte keinen Turm, der immer wieder schnell zum Zeichen von Macht werden kann. Man hat ihn dann doch gebaut, Steine waren vorhanden und wohl auch um der Glocken willen. Bartning wollte das Zelt. Es fügt sich ein ins Umfeld. Es zeigt, wir sind unterwegs, haben hier keine bleibende Statt; suchen das Neue mit leichtem Gepäck und haben doch ein Dach überm Kopf. Ein Zelt, in dem man wie nach einer Wüstenwanderung ankommen, ausruhen und neue Kraft für den Weiterweg sammeln kann. Ein Zelt, das nach Zukunft riecht, in dem man die Stimmen der Nacht nicht überhören kann und von den Vögeln geweckt wird, weil der neue Tag anbricht. Gastgeber werden die Menschen sein, die in der Notzeit erlebt haben, was Teilen bedeutet. Viele aus ganz Leipzig haben hier mitgewirkt. Denken Sie an das Schuhwerk damals! Dass die Kirche Höhe zum Aufatmen gewonnen hat, verdankt sie dem Dach, und das ist ein Geschenk der Ökumene, es kommt aus Schweden. Es ist, nach diesem entsetzlichen Krieg, ein Zeichen neuen Vertrauens. Ist es Absicht, dass die Bretter, Binder und Balken so dunkel gebeizt worden sind? Die Sparren und Bretter bekommen Schwere, lenken zurück auf die Ebene mit ihren Mühen, betonen den Versammlungsplatz. Das umlaufende Fensterband lenkt den Blick in die Runde, zum anderen. Am Kreuz richtet sich der Blick auf. Es ist ein hohes Kreuz, in sich ausgewogen, aber so mächtig, dass es seine Botschaft vom erhöhten Herrn vermittelt. Mehr mitten im Raum hatte auch seinen Sinn. Der Anbau ist wie eine Karawanserei, in der die Gäste ankommen, die Schuhe ausziehen, ihre Mäntel ablegen und sich zurechtmachen können. Heimelig wirkt die Kirche. Man fühlt sich geborgen, Kindheitserinnerungen werden wach. Man ist in einem Raum, der schlicht ist und doch eine klare Sprache spricht ohne Protz und Macht, in dem man annehmen kann, was Jesus sagt: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken (Matthäus 11, 28). Vom Frühjahr 1973 bis Herbst 82 war ich hier Pfarrer, durfte Kinder taufen, konfirmieren, Ehepaare einsegnen, unter ihnen auch unsre, und mit der Gemeinde der Heimgegangenen gedenken.


Meine Ausführungen RUND UM DIESE KIRCHE, sind keine umfassende Rückschau auf die vielen Aktivitäten der Gemeinde, z. B. Hauskreise, Schmannewitz, Kindergarten, Junge Gemeinde, in die ich und meine Familie mit hineingenommen worden sind, können auch nicht die Namen all derer nennen, ohne die das hier Geschilderte nicht möglich gewesen wäre. Die wenigen Namen stehen stellvertretend für beglückend viele. Ausgerechnet am Turm entschied sich mein Kommen in den Anger. Auf der Dampferfahrt von Dresden nach Meißen, wir waren als Bundessynode unterwegs, sprach mich OLKR v. Brück an, ob ich nicht die Gemeinde Anger -Crottendorf übernehmen wollte. Ich meldete mich bei Superintendent Stiehl "Haben Sie Kinder?", "Ja, 6". "Dann ist die Wohnung von Bräuers zu klein, die hatten nur 2." "Aussichtslos?" "Ja, wir sind mit dem Staat nicht gut dran." Ich wollte aber sehen, was mir da entgangen war und fuhr mit der Vier zum Anger und traf beim Schaukasten am Turm einen Herrn, der nach Pfarrer aussah und Pf. Schubert war. Dem sagte ich: "Ich sollte mir´s ansehen, hat v. Brück gesagt, aber die Wohnung, Stiehl meint aussichtslos!" Und er fragte:"Wieviele Kinder haben Sie, 6?! Dann kann das klappen. Heute Nacht ist Pfarrer Leonhardt gestorben. Und früher gehörten seine Wohnung und die von Bruder Bräuer zusammen, die Mauer dazwischen kann man leicht wegnehmen". So war Pfarrer Leonhardt, den man zur Zeit des Bauens das Schwungrad genannt hatte, mein Platzhalter gewesen. April zogen wir um. An einem Freitag, dem 13. Wer zieht schon an einem Freitag, einem 13. um? Es war unser Tag, der einzige, den der Pirnaer Fuhrbetrieb noch frei hatte.

1. Die Kirche erweist sich als ein würdiger und geeigneter Raum für Gottesdienste und Gemeindefeiern. Ökumenische Gäste, aus Russland vier Bischöfe, besuchten mit unseren DDR- Bischöfen auch Leipzig. Dr. Johannes, Präsident der Landeskirche, hatte mich gebeten: "Die Gemeindefeier übernehmen Sie!" "Nicht Thomaskirche, Thomanerchor?" "Nein, das ist zu spät, machen Sie's nur". Im Turm, Zufluchtsort der Jungen Gemeinde, fand ich Helfer. Einer, es war wohl Dietmar König, machte einen geradezu abenteuerlichen Vorschlag: der Kirchenvorstand sollte aufschreiben, wie die Kirche gebaut worden ist, das von den 350000 Steinen, dem Dach und der Ökumene, warum die Fenster vergittert sein müssen, etc., und das auch vorlesen. Wir von der 1o. Klasse dolmetschen. Er wüsste eine Russischlehrerin, die es übersetzt und vorlesen, das könnten sie ja. Die Losung des Tages war Psalm 36, 1o Bei dir ist die Quelle des Lebens und in deinem Licht sehen wir das Licht. Diese Losung wollte ich als großes Plakat, möglichst gedruckt. Doch Druckerlaubnis? Aussichtslos. Frau Günther machte es möglich. (Nach der Wende findet man sie als Älteste unter den sogenannten Jungunternehmern). Alexander, 13 Jahre alt, sollte nach dem Lied "Geh aus mein Herz und suche Freud" langsam von hinten nach vorn gehen, das Plakat als Rolle in der Hand, die Altarstufen hinauf, - er stolperte gekonnt - , und dann feierlich das Plakat entrollen. Nicht vorgesehen war, dass er mit einem Satz erleichtert zurück in die Gemeinde sprang. Der Dolmetscher sagte uns hinterher, wie dankbar er war, mal nicht übersetzen zu müssen, und wie erstaunt, erfreut die Gäste waren. Und klingt nicht auch uns in der Fremde ein freundliches Deutsch wie Musik, auch wenn es holprig ist?

2. Jeden Sonnabend Wochenschlussandacht. Dass sich die Junge Gemeinde jeden Sonnabend zur Wochenschlussandacht versammelt, hatte eine Gemeindehelferin, Frau Pöche, 1954 nach dem Berliner Kirchentag begonnen. Ich habe dort die Neuen Lieder gelernt, die noch heute in mir nachklingen: Gottes Liebe ist wie die Sonne...Ich war gespannt, was sie zum Predigttext des kommenden Sonntags zu sagen hatten. Hier war der Ort, wo jeder wusste, da triffst du Freunde. Und wenn Gäste kamen, die aus Salzgitter oder Bremerhaven, stand man wie selbstverständlich im weiten Kreis um den Altar, und die Gitarre war immer zur Hand. Und dann in den Turm oder in den Anbau zum Quatschen oder Feiern.

3. Die über 7o Jährigen kommen 2 x im Jahr zusammen bei sogenannten Kirchennachmittagen. Die Namenssuche war immer eine schwierige Sache. Altennachmittage? Wer ist schon gerne alt. Weil wir in der Kirche zusammenkamen und in ihr einander nahe sein wollten, haben wir zu Kirchennachmittagen eingeladen. "Seniorentreff" war uns zu westlich. Wie es dazu kam? Die langen Häuserzeilen machten mir Angst. Auf der Schirmerstraße sprach ich einen älteren Herrn an, was er über die Kirche denkt, wie er zu ihr stehe, ob er schon mal besucht worden sei? "Außer dem Kirchensteuerzettel nichts". Da wagte ich zu versprechen: "In einem Jahr bekommen Sie von uns eine Einladung". Er war ein Konditormeister. Superintendent Spranger hatte es in Pirna zum Advent probiert. Dabei hatten sich so viele angemeldet, dass er einen Teil ausladen und für einen zweiten Nachmittag in die Hospitalkirche neu hatte einladen müssen. Mit unsrer Gemeindeschwester hatten wir schon in Sebnitz ähnliche Nachmittage gefeiert. Es war Frau Eichelbaum, die zögernd sagte: "Wenn Sie damit Erfahrung haben, sollten wir es hier auch probieren". Und Schwester Erna machte mit. Eine ehemalige Buchhändlerin setzte sich in die Kanzlei und schrieb aus der Kartei auf Listen alle, die über 65 Jahr sind. Ab 7o haben wir eingeladen, für 5 Jahre hatten wir Vorrat. Schwester Ernas Aufgabe war, die Unmenge an Umschlägen und Postkarten als Antwortkarten zu besorgen und sie mit Namen und Anschrift zu versehen. Sie wusste, wer zwar mit den Füßen nicht mehr gut, aber gerne mit der Hand, dem Herzen helfen konnte und wollte. Zu denen brachte sie Listen und Umschläge. Das Vervielfältigen der Einladung war verboten. Ich hatte im Archiv zwei uralte Abzugsapparate, sogenannte Schweine aufgespürt, Schwein deshalb, weil man, ob man wollte oder nicht, von der schwarzen Farbe etliches abbekam. Mit Wachsmatrize und Farbrolle konnte man brauchbare, ja liebenswerte Briefe herstellen. Und für die Karten gab's ein Stempelkissen ähnlicher Art, das war genehmigt. Die Konfirmanden haben sie gewissenhaft ausgetragen. Für 4 x 15o, die sich angemeldet hatten, mussten wir Platz schaffen. Weil unter der Empore nur 100 sitzen konnten, schraubten wir die hinteren Kirchenbänke ab, drehten sie um, rückten sie auseinander und stellten Tische zwischen sie. Frau Achilles übernahm die Organisation mit einem Helferinnenkreis von an die 2o Personen, genau eingeteilt auf ungefähr 1 ½ Stunden: Das Stellen der Tische und Stühle, das Decken, das Kuchenverteilen, Bedienen, Wegräumen, Aufwaschen. Und in der Küche kochte unsere Lydia, Frau Brommer, den Kaffee auf dem Hockerkocher, der erst alt, dann neu angeschafft worden war. Jeder bekam so oft, wie er wollte, eingeschenkt! Das Programm? Wichtig war uns, dass unsere Gäste spürten: die Kirche lebt. Es ist Familie Ludwig zu danken, dass immer eine Schar Kinder sang, spielte, musizierte - und wenn's die eignen waren. Und noch etwas erwies sich als ein Treffer: Die Menschen sammelten sich im Kirchenschiff. Wir sangen, hörten eine Andacht, beteten, dann kam der Augenblick, dass ich aufforderte: "Legen Sie Ihre Mäntel ab, merken Sie sich den Platz, wo Sie ihn hingelegt haben, bitte, schauen Sie sich um, vielleicht erkennen Sie einen Nachbarn, eine frühere Freundin, winken Sie sich zu, und nehmen Sie miteinander hinten an den Tischen Platz. Es gibt für jeden einen Stuhl, für jeden ein Gedeck!" Und man traf sich. Es gab nicht nur guten Kaffee, frischen Kuchen sondern auch lebhaftes Gespräch, - eine gute Auflockerung für das Thema. Wichtig war das Mikrofon an einem langen Kabel, einer langen Leitung, dass ich jede und jeden erreichen konnte, denn es ging uns um das, was sie erlebt und einander zu sagen hatten. Ich dachte an meinen Konditormeister i. R., er hatte die Aktion ausgelöst und für ihn wählten wir als Thema: ´Als Wanderbursche unterwegs in Deutschland` und lagen damit falsch in der hiesigen Leipziger Arbeiterwelt. Trotzdem gab es über 2o Beiträge. Der erste von Frau Prof. Dörffel: " wie ich meinen Hut auf dem Großglockner verlor!", dann einer aus der Sternsiedlung: "14 Tage im Rettungsboot", ein Steward, dessen Schiff untergegangen war. " 4 Monate auf Montage bei Mao Tse Tung" wieder einer aus der Sternsiedlung und seine Frau ergänzte, wie sie die letzten 14 Tage von dem hohen Herrn aus China mit anderen zu ihren Ehemännern eingeladen worden waren und dieses Land als Gäste erlebt hatten. Es waren immer auch bewegende Zeugnisse dabei. Männer und Frauen erzählten, wie und wann ihnen ihr Glaube geholfen hatte. Manches Lied oder Gedicht aus ihrer Jugendzeit sagten sie an, wurde von anderen mitgesprochen oder gesungen. Wir hielten auch Tischabendmahl. Aus früherer Zeit gab es im Anger viele kleine Abendmahlskelche. Die reichten. Einer immer für 4 Personen. Für viele eine vertraute, erneute Begegnung mit Gott. Für mein letztes Treffen hatte ich gebeten, ein Stück Stoff, 4 x 4 cm, mitzubringen. Am Tisch wurden sie zusammengenäht und ein paar geschickte Frauen sammelten sie ein, fügten sie zu immer größerer Einheit und nach dem vierten Treffen war die Fahne fertig, bunt, schön. Ich habe sie noch, nahm sie damals mit nach Kleinwachau, wo ich sie im Gottesdienstraum vorstellte als Zeichen für meine Gemeinde, die so bunt und doch fest zusammengehalten hat. Dass auf diese Weise neue Freundschaften entstanden sind, erlebte ich bei einer Frau, die nur schwer aus ihrer Wohnung kommen konnte, (wir hatten auch einen Fuhrdienst eingerichtet), die die Idee des Einladens aufnahm, die ihre neuen Bekannten per Brief zu sich einlud und in einem lag der 20-Markschein mit der Bitte, den Kuchen zu kaufen und mitzubringen. Sie erzählte mir das, als ich 1000,- Mark brauchte für die Dachrinnenreparatur. Bergsteiger hatten sich bereit erklärt, das ohne Gerüst zu machen. Für die Kirche? Gerne, sagte sie und holte die gesparten Scheine. Aber das ist schon eine andere Sache. Da wir durch die Antwortkarten wussten, wer krank war, wurde gezielt besucht, sie warteten darauf. Die "Alten" nur ein Zipfel am Gemeindesack? Als wir dran zogen, kam vieles, kamen viele in Bewegung. Selbst Lehrerinnen waren bereit, da mit zu helfen.

4. Ein Altenbildungskreis entsteht. Ich traf in der Gelbkestraße Herrn Heinz Harnisch, einen Diakon im Ruhestand. Er erzählte mir von seiner Zeit vor 33, den Scharen der Jugendlichen in den Straßen von Leipzig, wie sie in Sehlis zusammengekommen sind, wie er dafür gesorgt hat, dass Sehlis nicht in die Hände der Nazis fiel, sondern zur Wehrmacht kam, so dass nach 45 Heim und Gelände nicht beschlagnahmt, sondern der Kirche zurückgegeben wurden. Er hätte in Halle freier arbeiten können als in Sachsen, u. a. Altenbildungs -Nachmittage eingerichtet. "Die mussten Qualität haben, also nicht nur Unterhaltung, sondern Diskussion, Aussprache, z. B. ein Arztvortrag über Krankheit, ein Polizist über den Verkehr, Redner aus Berlin usw." Ich bat ihn: "Machen Sie´s doch auch hier". Und er tat's. Akribisch genau nach seinem Stil. Der Raum unter der Empore füllte sich Monat für Monat. Auch er fand seine Leute, die Redner und Mitarbeiter.

5. Festliches Feiern mit Kindern in unserer Kirche. Dass Kinder gerne zum Gottesdienst kommen, war mir wichtig. Nicht nur wegen der eigenen. Ist nicht in der Jugendzeit das sog. religiöse Erlebnis oft die Grundlage und Hilfe zum Glaubenkönnen? Für Weihnachten bestand eine gute Tradition. Ich erinnere mich an die Krippenspiele, für die Johannes Ulbricht oft in letzter Minute doch noch die Bühne so umbaute, dass auch alle sehen konnten, wie Maria und Josef unterwegs waren und Herberge suchten. Das Jahr ist lang. Wir schafften Höhepunkte. Frau Kießig, unsere Christenlehrerin, sie hatte die Gabe, biblische Geschichten in Bilder umzusetzen. Es entstanden wahre kleine Meisterwerke und für die Kinderbibelwochen ließ sie nicht nach, bis ein schlüssiges Konzept erarbeitet worden war. Wir haben im Altarraum das Dorf Bethlehem gebastelt und aufgebaut, über die Apostelgeschichte nachgedacht: Komm herüber und hilf uns! Für die Adventszeit versuchten wir in unsere doch etwas dunkel wirkende Kirche einen Lichtglanz zu bringen. Da wurden aus farbigem Wachs die Krippenfiguren geformt, ganz dünn, dann auf eine Plexiglasscheibe gebracht, die mit einem breiten Rand aus Goldfolie umgeben und so angestrahlt war, dass zwischen den Fenstern unter der Empore zur Kirche hin ein unwirklich leuchtendes Bild aufleuchtete und die Besucher erfreute. Erinnern Sie sich an die Pyramide, die wir vorne aufgebaut hatten, deren Flügel sich drehten, wenn die Warmluft in die Kirche strömte? Herr Rabe fand für unsere Ideen immer eine Lösung. Einmal malten die Kinder ihre Straße, ihr Haus und es wurde ein Angerbild, in dem mitten drin die Kirche und in ihr die Krippe stand. Ein riesiges Transparent, das auf dem Altar leuchtete. Etwas besonderes gelang uns, als wir zum ersten Advent einen 2m hohen Weihnachtsbaum aus weißem Packpapier aufrichteten, den wir mit den Zweigen, die die Kinder zu Hause ausgemalt hatten und mit ihrem Namen versehen hatten, beklebten. Wie der sich verwandelte, weil die Farben verschieden grün waren. Er wirkte ungemein lebendig. Ich taufte damals Ernestine, unser erstes Enkelkind, und zeigte, wie leicht ein Zweig abfällt, wenn er nicht von den anderen gehalten wird. Zum 2. Advent brachten sie die Äpfel, wieder rund und schön ausgemalt und immer der Name drauf, dann die Kerzen und zuletzt die Sterne. Ganz wichtig war, dass auch das Mädchen, das schwer krank in der Ostklinik lag, mitmachen konnte. Den Stern hat sie unterm Sauerstoffzelt gebastelt, ihre Eltern haben geholfen, und dieser, ihr Stern kam ganz oben auf den Christbaum. Dass sie wieder gesund werden durfte, war uns wie ein Wunder

6. Kirche - Gästehaus Gottes. Frau Richter, Leiterin unseres Kindergartens, genannt Tante Traudel und ihre Mitarbeiterinnen verstanden es, mit den Kindern Feste zu feiern. Was lag näher, als zusammen zu feiern? Kirchgemeindefeste in der Trinitatiszeit. Einmal wurde ein Mittsommernacht -Fest daraus!. "Kirche - Gästehaus Gottes" , dieses Thema hatte Dr. Matthias als Überschrift für die Geschichte vom Barmherzigen Samariter gefunden. Eine Kinderbibelwoche war Hinführung. Für die Bastelarbeit hatte Frau Rabe eine Mitarbeiterin des DFD gebeten, die mit den Kindern Makramee-Behälter für Blumentöpfe flocht. Es war eine Pracht, wie in der Kirche an jedem der 14 Binder, wo zu Weihnachten eine Kerze brennt, eine lebende Blume baumelte und selbst der Kirchengarten wurde damit geschmückt. Aus dem Zoo brachte Herr Adler junge Löwen- und andere Tierkinder, die unter einem Baum, wo sie die Hitze gerade noch aushielten, von allen bewundert wurden! Das war eine Sensation, und zum Kaffee sang und musizierte der Kirchenchor die Kaffeekantate von Bach.

7. Unsere Bibelkreise im Anbau. Im Anbau bestanden seit jeher zwei Bibelstundenkreise. Der eine am Dienstag Vormittag, der andere am Donnerstag, nachmittags. Mir war der am Dienstag wie eine Tankstelle für die Seele. Im Horizont der Bibel sein Leben durchdenken! Wir hörten und erlebten Erstaunliches, wie Gott in unser Leben eingreifen kann. Frau Klaus, eine Zahnarztwitwe, klein, etwas rundlich, sie trug immer Schwarz, war bibelstreng und bekam ein Problem: Sie war gebeten worden, ihre große Wohnung aufzugeben und durfte dafür in ein Altersheim, ins Nexöheim ziehen. Nun war das ein Altenheim der Partei. Wir haben mitgelitten an der Frage, ob sie das wagen sollte. Wohnungen wurden ja dringend gebraucht, und dann tat sie es doch. Trotz des weiten Weges kam sie in die Bibelstunde und eines Tages gestand sie uns, dass sie etwas sehr bedrücke. Als wir sie fragten, was es denn wäre, sagte sie: "Dass die so freundlich zu mir sind". Und weil sie das nicht von den Kommunisten erwartet hatte, schämte sie sich ihres Vorurteils. Wenn ich sie besuchte und bei der Pforte fragte, welches Zimmer hat Frau Klaus? - und das Nexöheim ist groß!, sehr groß!, dann fragten sie mich: "Die kleine Frau Klaus?", ich nickte und ohne auf den Plan zu schauen, bekam ich Etage und Nummer gesagt. Sie hatte sich einen Namen gemacht. Auch Bibelstunde und Abendmahl haben wir auf ihrer Stube, wo der schöne Nussbaumsekretär und ihr hoher Lehnstuhl standen, gefeiert, und andere aus dem Heim fanden sich ein und waren mit dabei.

8. Veränderungen in und an der Kirche. Wie immer und überall gab es auch hier immer etwas zu reparieren oder Verbesserungen zu versuchen. Ein großer Fortschritt war die Renovierung des Anbaus. Gasaußenwandheizer wurden genehmigt, auch für den Raum unter der Empore!! Die Küche um einen Meter länger, aus den zwei schmalen Christenlehreräumen wurden einer, von Fenster zu Fenster, hell, mit Blick in den ´Garten` und zur Straße. (Dorthin allerdings getöntes Glas). Der Aufgang nach oben bekam eine feste Tapete. Es wurde alles schmuck und schön. (Nur für den Unterzug im größer gewordenen Raum gelang es nicht, ein durchgehendes Brett zu bekommen! Zwei taten es auch.) Und für erwünschte Wandschränke fanden wir einen Tischler in Belgern. Wir lernten das Städtchen an der Elbe ganz gut kennen, so oft fuhren wir hin, nicht nur um zu bestellen, sondern immer wieder um zu mahnen und zu drängeln. Aber dann kamen sie doch und wurden eingebaut. Ein Schulfreund aus der Jugendzeit schenkte die Einbauschlösser. Die Fenstergitter entwarf Familie Ochs, auch da dauerte es lang, bis der Schmied Zeit fand. Aber sie wurden einbruchssicher angebracht, wie auch die Bänke im sog. Klosterhof von Rabe raffiniert gesichert wurden.

9. Licht in die Kirche! Ich sehe noch Schwarzenberger, Elektriker und Diakon, Opitz und Lucke auf einer mir sehr schwach erscheinenden langen Leiter die Deckenleuchten anbringen. Wir wollten den Kirchenraum frei halten und doch helles Licht auf die Bänke. Es gab eigentlich immer etwas zu tun. Fast immer in Eigenleistung.

1o. Die Erneuerung des Dachs war eine große Aktion. Als ich herkam, waren die Hecken rings um den Kirchengarten riesengroß. Das war gewollt, damit die Kinder es schwerer hätten, Steine aufs Dach zu werfen. Es rasselte so schön, wenn die Ziegel zerbrochen runter rutschten. Wir haben die Hecke dann doch geschnitten und einen für die damaligen Verhältnisse brauchbaren neuen Zaun gesetzt. Wochenlang hatten wir uns dafür immer an dem Tag, an dem Lieferung von Zaunfeldern zu erwarten war, angestellt, bis es endlich klappte. In zwei Lieferungen bekamen wir die nötigen Felder und noch zwei dazu, denn die brauchten wir als Ersatz, wenn wieder mal an einem Sonnabend fröhliche Zechkumpanen Latten zerstört hatten. Die Woche drauf wurde repariert, und weil die Felder in einem Hof im Freien lagerten, waren sie in gleicher Weise von Wind und Wetter gegerbt, die Reparatur fiel gar nicht auf. Es sprach sich rum, dass um unsre Kirche Ordnung herrschte. Doch ein neues Dach gab´s nicht zu kaufen. Dr. Pasch, der Kirchbaupfleger, gab uns den Tipp, wir sollten im Kirchenwald Bruchholz aufarbeiten, 1:3, ein Teil für uns, drei Teile für den Staat. Und Bruch gab's genug, zum Beispiel in Bad Elster beim Kirchenförster Meinel, der mein Nachbar in der Synode gewesen war. Er gab uns die Möglichkeit, aus dem Windbruch genügend viele 3 m Stücke zu gewinnen. Der Kirchenvorstand und wieder Männer aus der jungen und alten Gemeinde machten sich auf in den Wald nach Bad Elster, und an zwei Tagen wurde das Pensum mit Hilfe einer kirchlichen Waldarbeiterbrigade vom Collm geschafft. Ein zweites war, eine Schneidemühle für die Stämme zu finden. Ich sagte zu meiner Frau: "Heute suche ich eine Sägemühle. Ich fahre nach Borna", und verließ Leipzig Richtung West und kam abends aus dem Osten zurück. Man hatte mich freundlich von Sägemühle zu Sägemühle geschickt, bis ich an der Mulde fündig wurde, den kranken Besitzer in Grimma noch antreffen und bewegen konnte, diese Arbeit zusätzlich für uns zu ermöglichen. Dann musste der Transport der Stämme organisiert werden, dann der für die gesägten Bretter in den Pfarrgarten nach Engelsdorf und dann von dort peu a peu zur Kirche, denn niemals hätten wir ein Brett draußen liegen lassen dürfen. Bretter, welch eine Kostbarkeit! Wenig später sagte mir der freundliche Herr vom Kraftverkehr: "Heute wäre mir das nicht mehr möglich!" Wie wir das Gerüst bekommen haben? Frau Rabe wusste Rat. Wir machten uns auf den Weg, und wo wir Arbeiter auf dem Gerüst sahen, fragten wir. Und endlich pfiff einer, sein Brigadier kam und war bereit, uns bei Gelegenheit das nötige Rüstmaterial an die Kirche zu stellen. Noch waren ja nicht zu viele Jahre seit dem Kirchenbau vergangen, noch erinnerte sich der Dachdecker an seine damalige geleistete Arbeit und war bereit, uns zu helfen. Und auch der Klempner ließ uns nicht im Stich. So konnte der Bau begonnen werden. Kein Ziegeldach, sondern auf die neue Dachschalung Dachpappe und, wie es damals üblich und eigentlich gar nicht so schlecht war: Schindeln aus Dachpappe. Sie sehen nicht so schön aus, und ich denke manchmal, es wäre leichter gewesen, Dr. Pasch hätte uns über Genex schöne rote Dachsteine besorgt, wie wir sie heute zu unsrer Freude überall sehen. Aber gehalten haben sie bis jetzt, und eines Tages können ja neue Biberschwänze draufkommen. An unserer Garage kann man erkennen, wie schwer damals Maßarbeit war, Das Ende eines Eisenträgers schaut raus. Er war zu lang, und abtrennen konnte ihn die Kirchenbaubrigade, die wir gewonnen hatten, nicht. Wir waren froh, dass sie ´unter der Hand` statt der genehmigten Einzel- uns eine Doppelgarage gebaut hatte, innen ohne Trennwand, so dass wir einen Raum zusätzlich zu Feiern bei Regen gewonnen hatten. Tante Traudel vom Kindergarten war sogar froh, dass hier eine breitere Front den Garten, in dem auch die Kindergruppen spielten, von der Straße abschirmte. Es hat sich bewahrheitet, was mir mein erster Superintendent 1954 in Rochlitz gesagt hatte, als ich ihm klagte, dass so viel kaputt sei, dass ich eigentlich immer nur bauen müsste. Eine Luftmine war auf der Friedhofsmauer niedergegangen, sicher ein Notabwurf, aber sie hatte alle Dächer schwer beschädigt. "Da gewöhnen Sie sich dran", war seine Antwort gewesen. Hatte er recht? Ich denke an "die Stürze im Fenster". Eine Stürze ist ein Topfdeckel. Stand die im Anger im Fenster, dann wussten die, die sich beim Bauen der Kirche kennen gelernt hatten, Bescheid: Hier braucht jemand Hilfe! Telefon gab es damals ja nur für bevorzugte Bürger. "Komm herauf, hilf mir!" lautete die Botschaft des Topfdeckels. Haben wir die unsichtbaren "Stürzen" wahrgenommen? Die namenlosen Flüchtlinge, die Einsamen, die am Rande ?

11. Kantoreigottesdienste Herr Kantor Eberhard Ludwig war überrascht, als ich die 1. Aufführung einer Kantate, (Chor und Orchester) im Gottesdienst als Kantoreigottesdienst angekündigt hatte. Wäre nicht Kantategottesdienst der richtigere und auch der übliche Name gewesen? Aber ist nicht die Gruppe, die die Verkündigung trägt, das Subjekt? Beim Jugendgottesdienst gilt das ja auch. Was wäre unsere Gemeinde ohne ihren Chor, die Kurrende, den Posaunenchor und die vielen anderen Mitwirkenden unter der Leitung, ich sage es zusammenfassend, der Familie Ludwig. Roland Zerbe gründete und leitete sogar eine Band!

Alle unsere Arbeit findet ihr Ziel und Vollendung als Gottesdienst.

50 Jahre Bartningkirche haben mich veranlasst, über meine Zeit im Anger nachzudenken, aber mehr noch, den Blick nach ´oben` zu richten. Für meine Erfahrung zitiere ich gern ein Gedicht von Hilde Domin, Heidelberg:

Ich setzte den Fuß in die Luft und sie trug.

Herzlich danke ich allen, die mir nahe gekommen und geblieben sind.

Dresden, am 17. Mai 2000 W. Taut, Pf. i. R.


 

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